WordPress dominiert das Web 2026 stärker denn je — und gleichzeitig haben sich die Anforderungen verschoben. Google hat im März 2026 die Schwellenwerte für Core Web Vitals verschärft. Das macht den Vergleich zwischen Baukasten und Custom Code zu einer Frage, die sich neu stellt.

Hier ein ehrlicher Blick mit aktuellen Zahlen — ohne Drohton, ohne erfundene Fallstudien.

Die Lage 2026: WordPress ist nicht zu schlagen

Laut W3Techs (Stand Juni 2026) laufen 41,9 % aller Websites weltweit auf WordPress. Im Markt der CMS-Systeme sind es sogar rund 60 %. Anders gesagt: Wenn eine Site überhaupt ein Content-Management-System nutzt, dann ist es in sechs von zehn Fällen WordPress.

Im Mai 2026 wurde WordPress 7.0 „Armstrong“ veröffentlicht — ein großes Update mit verbessertem Full Site Editing und PHP-8.3-Support. WordPress gehört zu den am aktivsten gepflegten Open-Source-Projekten der Welt. Das ist eine gute Nachricht für alle, die WordPress nutzen.

Was sich 2026 wirklich geändert hat: Googles Update vom März

Im März 2026 hat Google die Schwellenwerte für die Core Web Vitals deutlich verschärft. Das ist das wichtigste Performance-Thema dieses Jahres:

  • LCP (Largest Contentful Paint): von 2,5 s auf 2,0 s abgesenkt
  • INP (Interaction to Next Paint): jetzt gleichwertiges Ranking-Signal neben LCP und CLS
  • Mobile-First: Sites mit LCP über 2,5 s verloren laut aggregierten Ranking-Daten durchschnittlich zwei bis vier Positionen bei umkämpften Suchbegriffen

Wer eine Site hatte, die vor dem März-Update gerade so durchkam, ist seither in der gelben oder roten Zone — ohne, dass sich an der Site selbst etwas geändert hätte.

Wie schneidet WordPress wirklich ab?

Die ehrlichen Zahlen kommen aus dem HTTP Archive und CrUX (Chrome User Experience Report), beides öffentliche, von Google selbst gepflegte Datensätze:

  • WordPress-Sites bestehen alle drei Core Web Vitals auf Mobile zu rund 44 % — mehr als die Hälfte fällt also durch (Quelle: HTTP Archive WordPress Study, 2026)
  • Im Vergleich: Sites auf Next.js bestehen zu rund 58 %, Duda erreicht laut HTTP Archive sogar 85 %
  • Bei den Top-1-Million-Sites liegt WordPress bei rund 49 % Marktanteil — im „ernsthaften“ Web sind die Performance-Probleme also nicht weg, nur kleiner

Wichtig zur Einordnung: Die 44 % gelten für WordPress-Sites insgesamt. Wer auf einem ordentlichen Hoster sitzt, ein leichtes Theme nutzt und Performance-Plugins richtig konfiguriert hat, kommt deutlich höher. Umgekehrt: WordPress mit Page-Builder, schwerem Theme und 20 Plugins schafft die neuen Schwellenwerte praktisch nie.

Warum Custom Code hier andere Zahlen produziert

Bei handgeschriebenen Sites entfällt eine ganze Schicht von Overhead:

  1. Kein PHP-Rendering pro Aufruf. Statisches HTML wird direkt vom Webserver ausgeliefert, ohne Datenbank-Query, ohne Theme-Pipeline.
  2. Kein Plugin-Bloat. Jedes Plugin bringt eigene CSS- und JS-Dateien mit — bei 15 Plugins sind das 15× mehr HTTP-Requests im schlimmsten Fall.
  3. Bildoptimierung ist von Anfang an drin. WebP, responsive Sizes, Lazy Loading — ohne extra Plugin.
  4. Niedrige TTFB. Server Response Time von 50–100 ms statt 200–400 ms beim CMS-Rendering.

Das heißt nicht, dass Custom Code automatisch besser ist — eine schlecht gebaute Custom Site ist genauso schnell langsam wie ein vollgestopftes WordPress. Aber der Ausgangspunkt ist ein anderer.

Was kostet das wirklich? Ein 5-Jahres-Vergleich

Ich rechne hier mit Richtwerten für eine typische KMU-Site mit fünf bis acht Seiten. Die Zahlen sind keine Festpreise, sondern Branchen-üblich.

WordPress (mit Premium-Theme & Plugins)

  • Setup (Theme, Initial-Konfiguration): 200–800 €
  • Managed Hosting: 15–35 €/Monat × 60 Monate = 900–2.100 €
  • Premium-Plugins (SEO, Performance, Forms, Security): 200–400 €/Jahr × 5 = 1.000–2.000 €
  • Wartung & Updates (extern oder selbst): 300–800 €/Jahr × 5 = 1.500–4.000 €

Gesamt nach 5 Jahren: 3.600–8.900 €

Custom Code (typisches Onepager- bis Multi-Page-Setup)

  • Entwicklung (einmalig): 1.500–4.500 €
  • Hosting (klassisches Webhosting): 5–10 €/Monat × 60 Monate = 300–600 €
  • Wartung: minimal, oft nur bei Änderungswunsch

Gesamt nach 5 Jahren: 1.800–5.100 €

Break-Even-Punkt typischerweise im zweiten oder dritten Jahr. Bei einer einfachen Site mit geringen Performance-Ansprüchen kann WordPress über fünf Jahre günstiger sein — sobald aber Performance-Plugins und ordentliche Wartung dazukommen, dreht sich das Verhältnis schnell um.

Sicherheit: Wo die echten Risiken liegen

WordPress hat ein strukturelles Sicherheitsproblem — nicht im Core, sondern im Ökosystem drumherum. Laut Digital Applied (Stand 2026):

  • 97 % aller WordPress-Sicherheitslücken stammen aus Plugins und Themes — nur 3 % aus dem Core
  • WordPress-Sites werden im Schnitt etwa alle 32 Minuten von einem Angriff getroffen — aggregiert kommen Sicherheitsfirmen wie Wordfence auf rund 90.000 Angriffsversuche pro Minute auf alle WordPress-Sites zusammen

Das ist kein WordPress-spezifisches Problem — jedes System, das auf Drittanbieter-Erweiterungen aufbaut, hat das gleiche Risiko. Aber bei der schieren Anzahl an Plugins und der Aktualisierungs-Disziplin in vielen Betrieben summiert es sich.

Custom Code hat hier den simplen Vorteil, dass es kein offenes Admin-Backend gibt (kein /wp-admin), keine bekannten Datenbank-Strukturen, und keine Drittanbieter-Updates, die irgendwann liegen bleiben.

SEO: Was die neuen Regeln für Rankings bedeuten

Mit dem März-Update 2026 sind die Core Web Vitals von einer Empfehlung zu einem echten Ranking-Faktor geworden. Konkret: Wenn zwei Sites ähnlich gute Inhalte und Backlinks haben, gewinnt die schnellere im Ranking.

Für WordPress heißt das: Wer es ernst meint, kommt um Performance-Plugins (WP Rocket, NitroPack o.Ä.), ein leichtes Theme und einen ordentlichen Hoster nicht herum. Für Custom Code heißt es: Die meisten dieser Optimierungen sind schon Teil der Erstellung, statt nachträglich draufgesattelt.

Wann lohnt sich welches System?

Hier wird's wichtig — und ehrlich. WordPress ist nicht schlecht. Custom Code ist nicht immer die Antwort.

WordPress passt, wenn…

  • du regelmäßig selbst Inhalte pflegen willst (mehrmals pro Woche neue Beiträge, Bücher, Veranstaltungen)
  • du ein großes Plugin-Ökosystem brauchst (Buchungssysteme, Mitgliederbereiche, Foren, LMS-Funktionen)
  • du jemanden im Team hast, der WordPress versteht und pflegt
  • deine Site eher informativ als conversion-getrieben ist

Custom Code passt, wenn…

  • deine Site Kunden gewinnen soll und Performance dabei zur Conversion-Frage wird
  • Inhalte sich selten ändern (typische KMU-Sites: Leistungen, Über-uns, Kontakt — ein-, zweimal im Jahr aktualisiert)
  • du über fünf bis zehn Jahre rechnest und Wartungskosten niedrig halten willst
  • du dich nicht um Updates, Plugin-Kompatibilität und Security-Patches kümmern willst

Der Mittelweg: Headless CMS

Wer das Beste aus beiden Welten will, schaut sich Headless-Setups an: WordPress oder ein anderes CMS (Strapi, Sanity, Directus) im Hintergrund für die Inhaltspflege, ein eigenständiges Frontend in Astro oder Next.js für die Auslieferung.

Vorteile: Editor für Redakteure, Performance auf Custom-Code-Niveau. Nachteile: Aufwand und Kosten liegen oft über 5.000 € in der Erstellung. Lohnt sich erst bei größeren Sites, die wirklich oft aktualisiert werden.

Fazit

WordPress hat 2026 keinen Marktanteil verloren — im Gegenteil. Aber die neuen Core Web Vitals haben den Standard nach oben verschoben, und viele Standard-WordPress-Setups erreichen ihn nicht mehr ohne spürbaren Mehraufwand.

Custom Code ist 2026 nicht besser. Aber es löst bestimmte Probleme (Performance, Wartungsfreiheit, langfristige Kosten) strukturell — während WordPress sie nachträglich behandeln muss.

Die ehrliche Antwort auf „was nehme ich?“ ist deshalb: Es kommt darauf an, wie oft du Inhalte änderst, wie wichtig Performance für dein Geschäft ist, und wie viel du über fünf Jahre ausgeben willst. Wer das ehrlich beantworten kann, hat seine Entscheidung schon getroffen.